Montag, 6. Februar 2017

Auf den Spuren des Leidens


2012 - von www.wildmohnfrau.at


Auf den Spuren des Leidens…

Ein alter heiliger „Frauenberg“, zugepflastert mit Darstellungen des patriarchal-christlichen Leidens und Schreckens, so zeigt sich der Salzburger Kapuzinerberg seinen Besucherinnen und Besuchern im Jahre 2012.

Ob nun den Weg von der Linzergasse aus wählend oder über die Stufen von der Steingasse aufsteigen: überall säumen Zeugnisse der patriarchalen Gewalt, Folter und des letztendlichen Mordes die Wege. Die realitätsgetreuen Darstellungen des „Kreuzweges Jesu“ wirken auf unsere menschliche Seele, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht.

Angesichts all des Leidens, das hier dargestellt wird, ist es für mich unverständlich, wie Menschen in Internetberichten über diesen Weg der Gewalt von einem „schönen Kreuzweg“ sprechen können. Auch empfinde ich diesen Anstieg als keinen Weg der Vorbereitung und Reinigung, sondern als einen Weg, der Beklemmung und Bedrückung in mir auslöst.


Ein Zustand, der sich weiter verstärkt, wenn ich die Kapuzinerkirche betrete. Denn offenbar ist die alte, heilige Macht des Frauenberges so bedrohlich für die patriarchale Männerkirche, daß sie das Eintrittstor auf den heiligen Berg sogar oberhalb des Altars nochmals mit der Darstellung der Kreuzigung Jesu versehen mußten, um die Macht der alten Göttin hier auf ihrem heiligen Berg bannen zu können.

All das läßt in mir viele Fragen aufsteigen: wieso lassen sich die Menschen bis heute diese massiven Manipulationen durch die katholische Kirche ohne Widerstand bieten? Wandern bei ihren Sonntagsspaziergängen an Szenen von Folter, Gewalt und Tod entlang, ohne dagegen aufzubegehren? Warum muten Eltern diese Darstellungen ihren Kindern zu und meinen dann, daß die Gewaltbereitschaft ihrer Kinder „nur“ von den Videospielen am Computer kommt?

Woher nehmen die Mächtigen der katholischen Kirche bis heute die mehr als zweifelhafte Legimitation, die Menschen mit diesen Bildern zu manipulieren und zu bombadieren? Damals, als sie diese Kreuzwegstationen auf dem heiligen Frauenberg errichteten, haben sie sich selbst die „Erlaubnis“ dazu gegeben und all jene, die dagegen waren, mit Folter und Mord zum Schweigen gebracht.

Denn der Kreuzweg auf den ehemaligen Imberg wurde zwischen 1736 und 1744 errichtet und 1750 wurde mit Maria Pauer die letzte als Hexe bezichtigte Frau in Salzburg ermordet. Jene 16jährige Maria Pauer aus Mühldorf am Inn, die als Dienstmagd im Auftrage ihrer Dienstherrin am 25. Jänner 1749 bei den Kapuzinern „etwas Geweihtes“ geholt hatte, um diese Dinge nach alter Sitte in die Federbetten zu vernähen und als diese Gegenstände in Bewegung gerieten und es am Gang zum Klopfen anfing, als sogenannte „Hexe“ verhaftet und ermordet wurde.

Wieso fragt sich bis heute niemand, was "die Kapuziner" dieser jungen Frau mitgegen haben mögen, daß diese Dinge später "zum Spuken" anfingen? Wieso wird bis heute sang- und klanglos akzeptiert, daß "die Frauen" die Schuld für alles Leid auf der Welt zu verantworten haben laut christlicher Lehre?

Wieso werden diese Stationen des Leidens von so vielen Menschen bis in die heutige Zeit als etwas Erhaltenswertes angesehen, daß sogar Spendengelder für die Restaurierung bezahlt werden? „Restaurieren“ diese Menschen damit auch ihr eigenes Leiden, halten daran fest und brauchen sie deswegen diese „Stationen des Leidens Christi“, um ein Vorbild für ihr eigenes Leiden zu haben?

Identifizieren sich deswegen so viele Frauen mit dem Leid der Frauen unter dem Kreuz? Mutter Maria, die um ihren Sohn trauert und Maria Magdalena in ihrer Trauer um den geliebten Mann – sind es diese Darstellungen, die unbewußt in unseren weiblichen Seelen bis heute die Bereitschaft dazu schaffen, daß wir unsere Söhne und Geliebten im „Dienste des Vaterlandes“ in Kriegen ermorden lassen, ohne gemeinschaftlich dagegen aufzubegehren?

Was ist mit uns passiert, daß wir diese plastischen Darstellungen von Leid und Gewalt als selbstverständlich hinnehmen? Wie viele Ängste sitzen noch immer in unseren Seelen aus jener Zeit, wo die weisen Frauen, Heilerinnen und Schamaninnen unserer Heimat als „Hexen“ bezichtigt wurden und unter anderem auch auf dem Kapuzinerberg verbrannt wurden, wie auf dem Historienbild von Karl Reisenbichler im Salzburger Sternbräu anschaulich dokumentiert ist…

Noch viele kritische Fragen erwachen in mir angesichts all dessen. Fragen, die ich mir schon lange selbst immer wieder gestellt habe. Fragen, über deren mögliche Antworten ich mit interessierten und kritischen Menschen gesprochen habe. Fragen, die sich hoffentlich immer mehr Frauen und Menschen stellen werden. Fragen, die wir alle gemeinsam wieder dorthin richten werden, wo die Ursachen für diese Fragen zu suchen sind…

„Göttin der Transformation, laß die Frauen und Männer, die diese Fragen wieder stellen, mehr werden von Tag zu Tag. Laß uns nicht müde und hoffnungslos werden angesichts der Widerstände, mit denen von Seiten der katholischen Kirche den Fragen der Frauen begegnet wird und schütze uns wie früher unter deinem mütterlichen Mantel vor den Angriffen „von oben“.

Möge bald jener Tag kommen, wo wir gemeinsam die christlichen Bilder des Leidens und der Gewalt transformieren. Die geschundenen Leiber deinem mütterlichen Schoß anvertrauen, damit in deinen Tiefen neues Leben daraus entstehen kann. Und wir anstelle der Stationen des Leidens wieder Bäume des Lebens pflanzen werden…“ 








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