Donnerstag, 19. Oktober 2017

#metoo

#metoo
 
Es war die Aussage meiner Tochter heute Morgen, welche mir bewusst gemacht hat, dass auch ich etwas zu #metoo schreiben werde. Lisa sprach davon, wie viele ihrer Freundinnen, von „denen sie sich das nie gedacht hätte“, auch einen #metoo-Beitrag darüber gepostet hatten, was sie an sexuellen Übergriffen und Gewalt durch Männer erlebt haben. „Wir sind nicht alleine mit solchen Erfahrungen, sondern es sind viele, viele Frauen, die das erlebt haben und tagtäglich erleben.“ Dies zu erkennen und zu spüren, das macht etwas mit uns. Nicht mit uns stimmt was nicht, nicht wir haben was falsch gemacht, sondern mit unserer Gesellschaft stimmt was nicht. Das Patriarchat setzt die sexuelle Gewalt gegenüber Frauen seit Jahrtausenden gezielt dazu ein, um die Frauen ihres Selbstbewusstseins, ihrer weiblichen Kraft, ihrer natürlichen Selbstbestimmung zu berauben.


Nichts wurde und wird im Patriarchat so sehr bekämpft, vereinnahmt, missbraucht, benützt als die weibliche Sexualität. Das Heiligste der matriarchalen Kulturen - die Frau, ihr Leben schenkender Körper und die Eroskraft als jene Kraft des Universums, die alles zusammenhält – musste unterdrückt, zerstört, mit Gewalt eingenommen werden, damit die patriarchal-männliche Welt überhaupt etabliert werden konnte. „Der Raub des Kessels“ in den alten Mythen erzählt von der Vergewaltigung und Ermordung der Priesterinnen der Göttin. Seit Jahrtausenden prägen diese Erfahrungen der männlich-sexuellen Gewalt das kollektive Frauenfeld. Das patriarchale Tabu zu brechen und die männliche Täterschaft klar und deutlich zu benennen, ist ein sehr wichtiger Heilungsschritt für das kollektive Frauenfeld. Der andere, genau so wichtige Heilungsschritt für das kollektive Männerfeld ist jener, dass die Männer ihre Verantwortung annehmen für all das, was sie und ihre Großväter und Väter, ihre Brüder und Onkel, ihre Söhne und Enkel, ihre Freunde und Kumpel seit Jahrtausenden den Frauen an sexueller Gewalt in den vielfältigsten Formen angetan haben.

Solange die Männer nicht bereit sind, diese persönliche, systemische und kollektive Verantwortung anzunehmen, wird es keine Heilung zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen geben. Solange die Frauen nicht bereit sind, ihre Opferrolle zu verlassen und klar zu benennen – vor allem sich selbst gegenüber, aber auch den betreffenden Männern gegenüber – was sie erlebt haben, wird es keine Heilung zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen geben. Solange die Frauen es runterschlucken und unterdrücken, wird es ihr Körper sein, der ihnen immer wieder den Hinweis auf diese Abspeicherungen schicken muss, wir nennen das dann Krebs oder Depression.

Ich habe jene Erfahrungen, von denen ich nun erzählen will, in den vergangenen Jahren nochmals angeschaut und mit meiner spirituellen Therapeutin bearbeitet. Ich habe die Angst aufgelöst, die unterdrückte Wut nochmals gespürt, habe den Männern auf Seelenebene ihren Teil der Verantwortung zurück gegeben. Jenem Wirtssohn aus St. Pantaleon, der mich als Jugendliche von einem Faschingsgschnas in Holzhausen heimfahren wollte. Es war eine tief verschneite Faschingsdienstagsnacht. Ein Freund von ihm brachte uns zu seinem Elternhaus, wo sein Auto stand. Dort angekommen, war sein Vorsatz, mich heimzufahren, plötzlich doch dem Entschluss gewichen, dass ich zuerst mit ihm hochkommen soll. Er drohte damit, mich einfach in der Winternacht vor dem Haus stehen zu lassen, wenn ich auf das, was er wollte, nicht eingehen würde. Wie genau es mir dann doch gelungen ist, dass er mich heimgefahren hat, weiß ich nicht mehr. Doch woran ich mich noch erinnern kann, dass ist die irre Angst, die ich die ganze Zeit über hatte auf dieser Heimfahrt, dass er es sich doch wieder anders überlegen könnte, er den „sexuellen Ausgleich“, welchen ich seiner Ansicht nach für dieses heimgefahren werden zu leisten hätte, doch noch von mir einfordern könnte. Seine verbalen Verletzungen und Grobheiten nahm ich gerne in Kauf dafür, dass ich zumindest körperlich heil aus der Situation heraus kam.

Die Erfahrung, dass Männer sexuelle Dienstleistungen fürs Heimfahren erwarten, die machte ich noch einige Male. Nicht mehr so bedrohlich, aber die mehr oder weniger offenkundig gezeigte Erwartungshaltung der Männer löste in mir subtil das Gefühl aus, eine „gewisse Gegenleistung“ auch erbringen zu müssen. Wirklich gewollt habe ich vieles nicht, was ich als Jugendliche in sexueller Hinsicht mit Männern erlebt habe. Ich hätte es vielleicht schon mit ihnen gewollt. Aber nicht zu diesem Zeitpunkt, nicht so schnell, nicht unter diesen Bedingungen.

So wie ich es auch nicht wollte, dass der ältere Kollege, der damals für die Verzollungen zuständig war, mir beim Abrechnen immer wieder körperlich so nahe gekommen ist und mir seine Hand auf den Arm, die Schulter gelegt hat, dass ich mich dabei bedrängt, unwohl gefühlt habe. Gesagt habe ich als junge Frau dazu nie etwas, heute wäre das anders. Gesagt hab ich auch lange nichts zu all den sexistischen, frauenfeindlichen Witzen von Männern, die ich mir im Laufe meines Lebens anhören durfte. Zu den eindeutig zweideutigen Blicken und Gesten von Männern und noch so einigem mehr.
Als meine Tochter Magdalena Schülerin der ersten Klasse der Ursulinen in Salzburg war, hab ich all diese Prägungen des Hinnehmens und Schweigens durchbrochen. Im Zuge der sexuellen Belästigung durch Rainer Brüderle gegenüber einer jungen Stern-Reporterin erzählte meine Tochter Aussagen ihres Musiklehrers, die bei mir alle Alarmglocken zum Schrillen brachten. Ich spürte, dass ich meinen Mund nicht mehr halten kann und werde. Nachdem wir von verschiedenen Schülerinnen Aussagen gesammelt hatten, wandte ich mich an die damalige Direktorin der Ursulinen. Sie „konnte sich jedoch nicht vorstellen, dass ein so lang gedienter Professor so etwas gesagt haben könnte“ und sprach davon, dass in diesem Alter schon hin und wieder „die Phantasie mit den Mädchen durchgehen würde“.

Ich schrieb eine Stellungnahme an alle Eltern der Klasse. Ich schrieb an den Landesschulinspektor, er lud uns zu einem persönlichen Gespräch ein, sprach davon, dass er der Sache nachgehen würde. Dann begann das große „Umfallen“ der Mädchen, die plötzlich doch nichts mehr davon wissen wollten, was sie zuvor berichtet hatten. Einige wenige blieben standhaft, darunter meine Tochter Magdalena. Als von den Mädchen im Beisein ihrer Klassenlehrerin eine Entschuldigung bei ihrem Lehrer verlangt wurde für die falschen Beschuldigungen gegen ihn, war für Magdalena klar, dass sie auch aus diesem Grund keine Zukunft in dieser Schule haben wird. Für Magdalena und für mich war dies damals eine sehr wichtige Erfahrung, unseren Mund aufzumachen und die sexistischen Aussagen dieses Lehrers nicht mehr einfach hinzunehmen. Vielleicht war das der Hauptgrund, warum sie für ein Jahr Schülerin der Ursulinen sein sollte.

Als ich heute bei meiner Runde um den Abtsee darüber nachgedacht habe, ob und was ich zu #metoo schreiben werde, kamen mir zwei Männer mit einem Hund entgegen. Auf einem Stück Weg, das abgelegen ist. Ich erlebte, wie in mir etwas in Habachtstellung ging, eine mir vertraute Reaktion in solchen Situationen der Begegnung mit Männern, wenn ich alleine unterwegs bin. Kurze Zeit später begegneten mir zwei Frauen mit ihrem Hund. Die innere Anspannung blieb aus. Ich will in keiner Welt leben müssen, in der die Begegnung mit Männern in mir das Bild einer potentiellen Bedrohung auslöst und doch ist es so.

Das mulmige Gefühl ist da und ich weiß, dass es vielen Frauen so geht, wenn sie alleine unterwegs sind. Die Lösung dafür sind keine „starken Männer“, die meinen, sich als unsere Beschützer vor uns stellen zu müssen. Sondern die Lösung liegt darin, dass Männer damit aufhören, Frauen den vielfältigen Formen von sexueller, körperlicher wie verbaler Gewalt und Übergriffen auszusetzen. Die sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen ist Männern nämlich nicht angeboren, sondern anerzogen worden durch Jahrhunderte im Patriarchat. In matriarchalen Kulturen gibt es keine Wörter für Kindesmissbrauch oder Vergewaltigung. Darüber sollten wir alle, Frauen wie Männer nachdenken und entsprechend zu handeln beginnen.




Zu dieser Thematik weitere Beiträge, alle verfasst von Männern. Es berührt mich zu lesen, wie bewusst gewisse Männer mit alledem umgehen. Mögen sie Vorbild sein für "andere" Männer und auch für so manche Frau...










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