Sonntag, 27. August 2017

"Wir leben universelle Werte, weil es förderlich ist so zu leben - die matriarchalen Khasi aus Indien



Immer wieder begegnet mir bei meinen Vorträgen über matriarchale Gesellschaften die Sorge um die „armen Männer im Matriarchat“. Interessanterweise sind es meist die westlichen Frauen, welche sich mit dieser Frage beschäftigen, wie „denn das Leben der Männer im Matriarchat sei“. Darin spiegelt sich die patriarchale Prägung, unser weibliches Hauptaugenmerk auf das Wohlergehen der Männer richten zu müssen. An diesem Matriarchatskongress-Wochenende in Jena stand Beides am Programm, das Leben der Frauen und das Leben der Männer im Matriarchat.

In meinen drei Blogbeiträgen hab ich aus dem vielfältigen, bunten Informations- und Erfahrungsschatz, welchen die matriarchalen Frauen und Männer mitgebracht haben, all jenes zusammengefasst, was mich berührt und bewegt hat, was mich hellhörig werden und mich zustimmend nicken hat lassen und was mich vor allem sehr dankbar werden hat lassen für meinen eigenen Weg im Dienste der matriarchalen Welt. 

Die Begegnung mit Pyndaplin und Larissa von den Khasi in Indien, mit Sadama und Prof. La von den Mosuo in China und mit Yelfia und Roni von den Minang Kabau aus Indonesien haben mir in diesen drei Tagen, unterstützt durch die Filme über ihre matriarchalen Kulturen von Uscha Madeisky, Dagmar Margotsdotter und Daniela Parr ein fühlbares, ein greifbares, ein anschauliches Bild davon geschenkt, wie es ist, in einer matriarchalen Gesellschaft zu leben. Organisatorisch umgesetzt wurde der Kongress vom Frauenzentrum Towanda aus Jena.




Der Übersichtlichkeit und Lesbarkeit halber hab ich die Inhalte auf drei Beiträge aufgeteilt. In diesem hier erzählt Pyndaplin Massar von ihrer matriarchalen Kultur der Khasi. Die Khasi sind ein matriarchales Volk im Nordosten Indiens mit über 1,1 Millionen Angehörigen. Für den Kongress war sie jedoch nicht aus Indien angereist, sondern aus Leipzig. Als Uscha vor 20 Jahren ihren Film „Die Töchter der sieben Hütten“ über die Khasi gedreht hat, da erzählte ihr die jugendliche Pyndaplin von ihrem Wunsch  nach einer Brieffreundin aus Deutschland. Ein Mädchen aus Leipzig wollte ihre Brieffreundin werden. Einige Zeit später verspürte sie den Wunsch, auch mit einem Jungen aus Deutschland eine Brieffreundschaft zu beginnen. Nach einer Weile fand ihre Brieffreundin einen Jungen aus der Nachbarklasse, der das auch wollte. Nach seinem Abitur besuchte er Pyndaplin in Indien, aus der Brieffreundschaft zwischen den Beiden war „mehr“ geworden und Pyndaplin folgte ihm nach Deutschland.

2008 war sie beim Muttergipfel in Karlsruhe zu Gast. Damals war für mich diese matriarchale Welt noch so neu, so beeindruckend und faszinierend, aber auch überwältigend und überfordernd gewesen, dass ich viele der Informationen, die ich dort erhalten hätte, nicht behalten oder wirklich verstehen konnte. Doch was ich mitgenommen habe, das sind Eindrücke und Bilder. Eines dieser Bilder hat mit Pyndaplin zu tun. Sie saß im Kreise der anderen auf der Bühne und erzählte unter Weinen davon, wie einsam und befremdlich es für sie war und ist, hier in Deutschland ohne ihren Mutterclan ihre kleine Tochter auf die Welt gebracht zu haben und sie nun unter westlichen Verhältnissen ins Leben zu begleiten.



Nun war Larissa mit ihrer Mutter zum Matriarchatskongress nach Jena gekommen. Pyndaplin erzählte davon, dass sie mit ihren drei Kindern gerne wieder zu ihrem Mutterclan zurückkehren würde. Auch ihr deutscher Mann würde mit ihr dorthin ziehen, wenn er in Indien Arbeit finden könnte. Dieser westliche Mann, der beide Welten kennt, möchte lieber im matriarchalen Clan leben, als im „ach so glücklich machenden Patriarchat“. Soviel als dazu, dass „matriarchale Männer ihre Kultur verlassen möchten, weil sie dort so arm seien.“

Das Clanhaus der Khasi ist die „Urmutter“, die sie beschützt. Darum wird ein Clanhaus auch niemals verkauft. Der „Ehe-Mann“, der Partner bleibt im Clanhaus „seiner Frau“ ein Gast, auch wenn er aufgrund Matrilokalität dorthin zieht. Doch er ist nicht blutsverwandt mit ihr und ihrem Clan und bleibt darum ein „Gast“. „Gäste dürfen nicht rumschreien. Ist schon ein gutes System“, so Pyndaplin von den Khasi. 

Die jüngste Schwester „erbt“ das Clanhaus, doch es ist kein Erben in unserem westlichen Sinne und darum kennen wir auch kein deutsches Wort für diesen matriarchalen „Erbvorgang“. Denn sie erbt nicht den Besitz, sondern die Verantwortung für die Dinge.

Das, was wir aussenden, hat eine Wirkung und es kehrt zu uns zurück, früher oder später. Manche nennen es Karma, andere wiederum Schicksal, die Khasi nennen es „sang“, dies bedeutet in unserem westlichen Sinne „Tabu“. Den Khasi ist bewusst, dass „es zu Verwünschungen gegen sie selber und ihren Clan führen würde, wenn sie „sang“ begehen“. Eine spirituelle Weisheit, die uns westlichen Menschen zum größten Teil abhanden gekommen ist den Jahrhunderten, in denen uns weis gemacht wurde, dass ein clanfremder Mann uns durch seinen Tod vor Jahrtausenden von unseren Sünden erlöst haben soll, wenn wir nur fest daran glauben.

Über die englischen Missionarsschulen wurden die Khasi dazu gezwungen, zum Christentum zu konvertieren, wenn sie Bildung wollten. Seit sie eigene Khasi-Schulen gegründet haben und damit die Bildung in ihre eigenen Hände genommen haben, haben sie die Konvertierungsrate bei ca. 50 % gestoppt. 



„Jedes Haus ist wie ein Tempel“, weil die Ka Jawbei, die Ahnfrau jeder Khasi-Sippe überall im Haus ist. Von ihrer Göttin haben sie kein Bild, keine Figur, die sie darstellt. „In den Flüssen, in den Bergen da sitzt die Göttin. Wenn wir ein Problem haben, gehen wir zu ihr auf den Berg hoch“, so Pyndaplin.

Der indische Staat hat sie dazu gezwungen, ihren gemeinschaftlichen Clanbesitz, der früher nur mündlich weitergegeben wurde, in ein Grundbuch eintragen lassen zu müssen. Doch immerhin haben es die Khasi geschafft, dass nur Frauen ins Grundbuch eingetragen werden dürfen.

Pyndaplin erzählt von ihrem Leben hier in Deutschland, dass sie nicht verstehen konnte, warum sie sich bei ihrer Schwiegermutter dafür bedanken muss, dass sie ihre Enkelin vom Kindergarten geholt hat. „Es ist ja auch ihr Kind!“, so die matriarchale Sichtweise. „Wir wirtschaften alle zusammen und darum braucht es kein Danke innerhalb des Clans. Wir wissen vom Herzen her, dass es die anderen freut. Hier in Deutschland müssen sich die Menschen wegen jeder Kleinigkeit bedanken und tut frau das mal nicht, ist das Gegenüber gleich beleidigt.“

„Das Leben ist in allem drinnen“, darum beten wir keinen Gott an, sondern „das Leben in Allem“. Von den Khasi ist nie ein Krieg ausgegangen. Keine Mutter will einen Krieg, in dem ihr Kind stirbt! Die Männer der Khasi beschreibt Pyndaplin als zuvorkommend, sie sehen sich als die Unterstützer der Frauen, sie sind nicht so aggressiv wie patriarchale Männer.

Warum die Khasi gewaltfrei leben, erklärt sich Pyndaplin damit, dass sie als Kinder klare Grenzen und Respekt vor den anderen erfahren haben und sie als Kinder das bekommen, was sie brauchen. Darum kann uns Pyndaplin mit auf unseren Weg die Botschaft geben: „Liebe für alle zu leben, auch an die anderen denken und mit ihnen teilen…“

„Wir leben universelle Werte, die förderlich sind für eine friedliche Welt!“ - „Weil es Sinn macht so zu leben!“ 


  Mehr Bilder vom Matriarchatskongress findet Ihr auf meinem Fotoblog ErdenBilderReich - Link zum Beitrag: "Friedliche Gesellschaften stellen sich vor..." 

Den sachlich-informativen Beitrag zu den Minangkabau findet Ihr hier auf meinem Wildmohnfrau.Blog - Link zum Beitrag "Kinder passen bei uns überall hin, dafür sorgen die Frauen!"

Über die Mosuo hab ich ebenfalls einen sachlich-informativen Beitrag hier auf meinem Wildmohnfrau.Blog geschrieben - Link zum Beitrag "Wenn es noch mehr Männer gäbe, die auchgekommen wären..."

Meinen persönlich-emotionalen Beitrag zum Matriarchatskongress findet Ihr ebenfalls hier auf meinem Wildmohnfrau.Blog - Link zum Beitrag "Ich versuche mir vorzustellen, wie sich ein Leben in einer matriarchalen Gesellschaft anfühlen mag..."

Nähere Informationen zu den erwähnten Filmen über die matriarchalen Gesellschaften gibt es auf www.tomult.de

Über die Aktivitäten der Frauen von MatriaVal e.V. und ihre "Mutterlandbriefe" findet ihr auf www.matriaval.de alles Weitere. 

Heide Göttner-Abendroth, die Begründerin der modernen Matriarchatsforschung im deutschsprachigen Raum und ihre Int. Akademie HAGIA, in welcher ich meine Ausbildungen gemacht habe, findet ihr unter www.hagia.de

Im MatriArchiv in St. Gallen gibt es eine umfangreiche Sammlung an Büchern und Materialien zu matriarchalen Gesellschaften zum Ausleihen: www.matriarchiv.info

Und mein Wildmohnfrau-Angebot rund um das Thema "Matriarchat" findet Ihr auf www.wildmohnfrau.at und einmal im Monat auch in meinem Newsletter



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