Sonntag, 27. August 2017

Ich versuche mir vorzustellen, wie sich ein Leben in einer matriarchalen Gesellschaft anfühlen mag…




Die persönliche Begegnung mit matriarchalen Frauen und Männern auf dem Matriarchatskongress in Jena am vergangenen Wochenende hat tiefe, bewegende, nachhaltige Spuren in mir hinterlassen. Seit über zehn Jahren hat das Wissen um matriarchale Gesellschaften auf meinem persönlichen und beruflichen Lebensweg zu einen Wandel geführt, für den ich zutiefst dankbar bin. Von Anfang an hab ich gespürt, wie bedeutsam diese Kulturen für uns alle sind. Im Laufe der Jahre kam dann immer mehr Wissen zu mir, warum das so ist.

Die Begegnung mit Pyndaplin und Larissa von den Khasi in Indien, mit Sadama und Prof. La von den Mosuo in China und mit Yelfia und Roni von den Minang Kabau aus Indonesien haben mir in diesen drei Tagen, unterstützt durch die Filme über ihre matriarchalen Kulturen von Uscha Madeisky, Dagmar Margotsdotter und Daniela Parr ein fühlbares, ein greifbares, ein anschauliches Bild davon geschenkt, wie es ist, in einer matriarchalen Gesellschaft zu leben.

Matriarchatskongress Altes Rathaus Jena

Ich versuche mir seither noch mehr als ich das bisher schon getan habe vorzustellen, von einfühlen können möchte ich da noch gar nicht reden, wie sich ein Leben anfühlen mag in einer Gemeinschaft, in einer Gesellschaft, in der ich drei Mütter haben könnte und nicht nur eine. Von denen keine mit ihrer Mutterrolle überfordert ist – so wie wir das mit unseren patriarchalisierten „Einzel-Müttern“ erlebt haben und weiterhin erleben müssen.Sondern selber als Mütter eingebettet sind in das große, mütterliche Prinzip von Mutter Erde.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein mag, mit dem Wissen, dem Vertrauen, dem Spüren können aufzuwachsen, dass Mutter Erde mich liebt, mich trägt, für mich da ist mit allem was sie zu geben hat. Dass der See um mich meine Mutter ist, dass der Berg an meiner Seite meine Mutter ist, zu der ich jederzeit gehen kann. Dass es nicht wichtig ist zu wissen, welche der Frauen um mich meine leibliche Mutter ist, weil sie alle mütterlich für mich sorgen.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein kann, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Fürsorge für alle im Zentrum steht, in der die Menschen ihren eigenen Ertrag mit den anderen teilen, anstatt darauf ausgerichtet zu sein, möglichst viel an sich zu reißen und neidisch auf die Nachbarn zu blicken, weil sie etwas haben, das wir nicht haben.  


Roni Effendi & Yelfia Susanti - Minangkabau, West-Sumatra / Indonesien

Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein kann, mich immer und überall verbunden mit meinen Ahninnen und Ahnen zu wissen. Sie nicht in ihren Gräbern zu wissen, sondern rund um mich am Herd, in den Steinen und Bergen, in den Wäldern und über den Flüssen auf der anderen Seite der Welt. Keine Familienaufstellungen zu brauchen, um endlich all die patriarchalen Wunden meiner Ahninnen und Ahnen heilen zu können, sondern täglich mit ihnen im Dialog zu sein, gleich zu klären, was geklärt gehört, ihrem weisen Rat zu lauschen, unsere liebevolle Verbundenheit durch die Welten hindurch zu spüren. Getragen vom Wissen, dass alles, was wir aussenden, auch wieder zu uns und unserem Clan zurückkehren wird und kein Foltertod am Kreuz vor über zweitausend Jahren uns von unseren Sünden erlösen kann.

Ich versuche mir vorzustellen, wie ein Leben sein kann in einer Welt, in der kein männlicher Gott mir vorschreibt, dass mein Verlangen nach dem Manne sein soll und ich unter Schmerzen gebären muss. Wie es sein kann in einer Welt, in der meine Brüder und Onkel mich und meine Kinder schützen, begleiten und vor allem lieben.

Ich versuche mir vorzustellen, wie die Liebesbeziehungen zu Männern sein können in einer Welt, in der ich von Kindheit an eine stabile, soziale, männliche Begleitung erfahren hab. In der die Männer nicht über Generationen durch Kriege emotional schwerst traumatisiert wurden und das noch nicht mal benannt werden durfte, geschweige denn therapeutisch behandelt wurde und wird. 


Prof. Mingping La mit seinem Sohn und Sadama Wang von den Mosuo in China

Ich versuche mir vorzustellen, wie ein Frauenleben sich anfühlen kann in einer Welt, in der ich mich frei bewegen kann durch Städte und Straßen, ohne die permanente Angst an meiner Seite, dass der mir folgende oder entgegenkommende Mann die Überzeugung in sich tragen könnte, mir Gewalt antun zu dürfen, mir seinen sexuellen Willen aufzwingen und mich sogar umbringen zu können, so wie es ihm die patriarchale Welt seit Jahrtausenden vorlebt. Wie es ein mag in einer Welt, in der „häusliche Gewalt“ nicht zur Tagesordnung gehört, sondern das Haus die Mutter für alle sein kann und darf, in welchem alle ein sicheres Daheim haben.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein kann, über meine weibliche Sexualität frei bestimmen zu können, ohne männlichen Moralanspruch und patriarchalen Ehrbegriff im Gepäck. Ohne Besitz zu sein für „meinen“ Mann, ohne männliche Bestimmungen darüber, ob ich allen Kindern, die mir die Göttin schenken will, auch tatsächlich das Leben schenken kann und will. Wie es sich anfühlen würde in einer Gesellschaft, die die Schwachen schützt, weil damit die ganze Gesellschaft stark wird, auch das versuche ich mir vorzustellen.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein kann, Liebesbeziehungen zu leben, die frei sind von der wirtschaftlichen und sozialen Abhängigkeit von diesem Mann. Wie es sich anfühlen könnte, tief in mir die Sicherheit zu haben, geliebt zu sein, von meinen Großmüttern und Müttern, von meinen Schwestern und Tanten, von meinen Onkeln und Brüdern und aus diesem Getragen sein im mütterlichen Clan in eine Liebesbeziehung mit einem Mann zu gehen.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein kann in einer Welt, in der es undenkbar erscheint, dass Frauen für Geld Sex mit Männern haben müssen. Wie es sein kann in einer Welt, in der Frauen von den Männern respektiert werden und die Frauen die Männer respektieren können, weil sie ihnen Gutes tun und Gutes wollen und sie ihnen ihren natürlichen, angestammten Platz als die Wiedergebärerinnen des neuen Lebens nicht streitig machen wollen, wie wir das in allen patriarchalen Großreligionen seit Jahrhunderten „zu glauben haben“. 


Pyndaplin und Larissa Massar von den Khasi in Indien

Ich versuche mir vorzustellen, wie mein Leben sein würde, wenn ich die Sicherheit des geliebt seins wirklich in mir tragen würde. Wenn ich nicht mit der Prägung groß geworden wäre, dass ich „was und vor allem möglichst das tun muss, was die anderen von mir erwarten, damit sie mich vielleicht lieben werden wollen…“. Wie viel Kraft aus mir frei würde, mir geschenkt würde, wenn das Wichtigste in meinem Leben nicht die Liebe eines einzelnen Mannes für mich wäre, sondern die Liebe all der Menschen in meinem Clan mich trägt und nährt.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein kann in einer Welt, in der die alten Menschen geehrt werden, weil sie die meiste Reife und Weisheit in sich tragen, in der es unvorstellbar erscheint, die eigene Mutter in ein Altersheim zu geben, wo sie doch für uns gesorgt hat am Beginn unseres Lebens. So sie das konnte, denn ich weiß, dass es viele patriarchale Mütter nicht können, weil es ihnen die Gesellschaft nie vorgelebt hat, es ihnen nicht mitgibt auf ihren Weg der Mutterschaft. Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein kann, Mutter zu sein in einer Kultur, in der das mütterliche Prinzip die ganze Gesellschaft prägt.

Ich weiß, wie es ist Mutter zu sein in einer Gesellschaft, in der Frauen „nur Mütter“ sind, in der Mütter nicht erkennen sollen, wie bedeutsam unsere Kinder für die Zukunft der Gesellschaft sind. In der ganz selbstverständlich von „Kinderarmut“ gesprochen wird, die doch letztendlich immer eine „Mütterarmut“ ist. Ich weiß, wie „arm“ eine Gesellschaft ist, die all das, was natürlich ist, verdrängen und zerstören muss, um sich eine künstliche Machtposition aneignen zu können, die doch gegen alle Naturgesetze verstößt. Ich weiß, was es bedeutet in einer Welt zu leben, in der den Männern von ihrem männlichen Gott gesagt wird, dass sie sich die Erde und damit auch die Frauen untertan zu machen haben.

Ich kann mir vorstellen, dass aus all diesen Gründen die Eifersucht für matriarchale Menschen nicht zu einer Liebesbeziehung gehört. Ich kann mir vorstellen, wie viel Kraft und Stärke in den matriarchalen Frauen lebendig ist, mit der sie ihre Gesellschaften zum Wohle aller leiten und lenken. Ich kann mir vorstellen, wie befreiend es für Männer sein kann, aus dem patriarchalen Leistungsanspruch aussteigen zu dürfen. Ich kann mir vorstellen, wie befreiend ein Leben sein kann ohne mich täglich alleine um meine und die finanzielle und wirtschaftliche Existenz meiner Kinder kümmern und sorgen zu müssen oder ohne darüber endlose Diskussionen mit dem Mann an meiner Seite führen zu müssen.

Vor allem aber kann ich kann mir vorstellen, dass wir gar keine Vorstellung davon haben, haben können, wie anders es sich anfühlen könnte, wenn wir nicht im Patriarchat, sondern in einer matriarchalen Gesellschaft groß geworden wären. Wenn unsere Mütter und Großmütter nicht schon seit Generationen im Patriarchat leben hätten müssen. Wenn unsere Großväter und Väter nicht fürs Vaterland hätten sterben müssen, sondern wir alle im Mutterland hätten leben dürfen…


Mehr Bilder vom Matriarchatskongress findet Ihr auf meinem Fotoblog ErdenBilderReich - Link zum Beitrag: "Friedliche Gesellschaften stellen sich vor..."


Nähere Informationen zu den erwähnten Filmen über die matriarchalen Gesellschaften gibt es auf www.tomult.de

Über die Aktivitäten der Frauen von MatriaVal e.V. und ihre "Mutterlandbriefe" findet ihr auf www.matriaval.de alles Weitere. 

Heide Göttner-Abendroth, die Begründerin der modernen Matriarchatsforschung im deutschsprachigen Raum und ihre Int. Akademie HAGIA, in welcher ich meine Ausbildungen gemacht habe, findet ihr unter www.hagia.de

Im MatriArchiv in St. Gallen gibt es eine umfangreiche Sammlung an Büchern und Materialien zu matriarchalen Gesellschaften zum Ausleihen: www.matriarchiv.info

Und mein Wildmohnfrau-Angebot rund um das Thema "Matriarchat" findet Ihr auf www.wildmohhnfrau.at und einmal im Monat auch in meinem Newsletter

1 Kommentar:

  1. vielen lieben Dank, Renate, für diese einfühlsamen Fragen, die weit über das hinausgehen, was mir im Allgemeinen im Gespräch über Matriarchate begegnet.
    Hanna Bittner

    AntwortenLöschen