Die „Drei Frauen“ von Schildthurn
Kindersegen am „heiligen Berg“ und eine jahrhundertealte Verbindung vom Haunsberg nach Niederbayern
Seit 1659 wallfahren Menschen aus Obertrum nach Schildthurn im niederbayerischen Rottal. Laut Obertrumer Heimatmuseum waren die Jahre davor von Hitze, Hagel, Unwettern und Missernten geprägt. In dieser Not beschlossen die Obertrumer, zu jener Kirche zu pilgern, deren Turm von ihrer Heimat aus am weitesten zu sehen war. Vom Haunsbergrücken bei der Kaiserbuche war der mächtige Kirchturm von Schildthurn erkennbar. Eine große Kerze wurde mitgetragen und seither alle hundert Jahre erneuert. Vier dieser „Jahrhundertkerzen“ von 1659, 1759, 1859 und 1959 stehen noch heute in Schildthurn.
Bemerkenswert ist, dass die Schildthurner Überlieferung den Beginn anders erzählt: Dort soll das Gelübde aus der Pestzeit stammen. Ein Bursche habe von einem hohen Baum aus nach dem entferntesten Kirchturm Ausschau gehalten. Schon diese unterschiedlichen Erklärungen lassen aufhorchen.
Die „Drei Frauen“ und der Kindersegen
Schildthurn war alles andere als irgendein Wallfahrtsort. Zu den ältesten Wallfahrten des Bistums Passau gehört jene zu Einbeth, Wilbeth und Warbeth, den „Drei heiligen Jungfrauen“, deren Verehrung hier spätestens um 1400 belegt ist. Kirchlich wurden sie später als Gefährtinnen der hl. Ursula gedeutet. In der Volksfrömmigkeit galten sie als Helferinnen bei Fruchtbarkeit, Schwangerschaft und Kindersegen.
Kinderlose Frauen pilgerten zu ihnen und vollzogen das „Wiegenschutzen“: Unter der Empore stand eine große hölzerne Wiege, die von Frauen mit Kinderwunsch bewegt wurde. Zudem opferte man kleine Wiegen aus Wachs oder Silber, als Bitte um ein Kind oder als Dank für erfüllten Kinderwunsch. Zwanzig bis dreißig solcher Votivwiegen wurden später eingezogen und eingeschmolzen. Eine versilberte Wiege von 1868 blieb erhalten und wird bis heute von Paaren berührt, die um Kindersegen bitten. Auch die Gottesmutter und der Kirchenpatron Ägidius, Schutzheiliger der stillenden Mütter, wurden dafür angerufen.
Wie stark der Drei-Frauen-Kult verankert war, zeigt ein Urbarium von 1654, das die Kirche als „S. Ägidij, Einbeten Gottshauß zu Schiltorn“ bezeichnet. Eine örtliche Überlieferung erzählt zudem von einem Priester, der die Verehrung der „Drei Frauen“ unterbinden wollte, daraufhin erblindete und schließlich selbst wieder zu ihrer Verehrung aufrief.
Erinnerung an einen älteren Weg
Einbeth, Wilbeth und Warbeth stehen in der Tradition jener „Drei Frauen“, in denen sich die uralte Vorstellung der „Dreifachen Göttin“ erhalten hat. Ihre Urform ist die Mondgöttin in ihren drei Erscheinungsformen: Der zunehmende Sichelmond verkörpert die Weiße Jungfraugöttin, der Vollmond die Rote Lebens- und Liebesgöttin und der dunkle Neumond die Schwarze Todes- und Wiedergeburtsgöttin. Darin spiegeln sich die Mysterien des Lebens ebenso wie die Lebensphasen der jungen Frau, der schöpferischen Mutter und der weisen Alten. Seit der Jungsteinzeit begegnet uns die „Dreifache Göttin“ in unterschiedlichen Gestalten und Namen. Später lebte sie im Drei-Frauen-Kult weiter und wurde in die christliche Heiligenwelt eingebunden. In Schildthurn blieb ihre Verbindung mit Fruchtbarkeit, Schwangerschaft und Geburt besonders deutlich erhalten.
Bemerkenswert ist auch die alte Bezeichnung Schildthurns als „Wey Berg“ aus dem Jahr 1578: „weih“ im Sinne von heilig. Vieles spricht dafür, dass hier die Erinnerung an einen sehr alten heiligen Ort weiterlebt.
Und damit führt der Weg zurück zum Haunsberg: Begann die Wallfahrt nach Schildthurn tatsächlich erst 1659 wegen Unwettern, Missernten oder Pest? Oder erhielten hier vielleicht viel ältere Traditionen lediglich eine neue, christlich akzeptable Begründung? Waren es vielleicht vor allem die Obertrumerinnen, die sich auf den Weg zum rund 40 Kilometer entfernten Schildthurn machten - zu jenem „heiligen Berg“, an dem die „Drei Frauen“ um Fruchtbarkeit und neues Leben angerufen wurden? Vielleicht bewahrt die bis heute fortgeführte Wallfahrt vom Haunsberg nach Schildthurn eine Erinnerung, die wesentlich älter ist als ihre später überlieferte Begründung.
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| Die „Drei Frauen“ von Schildthurn – Darstellung der Drei Bethen |
Dieser Beitrag ist im September 2026 auch im Magazin „Salzachbrücke“ der Salzburger Nachrichten erschienen.
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