Luzia – wenn das Leben in der Mutterlinie weiterfließt

Mitten im Oktober, in der Phase im Jahreslauf, in der das Licht der Sonne von Tag zu Tag weniger lange scheint, wurde in unsere Mutterlinie eine Lichtbringerin geboren. Luzia, meine erste Enkeltochter. Sie ist diejenige, die nun als Erste der nächsten Generation unsere Mutterlinie weiterträgt. 

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Bedeutsamkeit der Mutterlinie. Im Zusammenhang mit matriarchalen Kulturen, in meiner Arbeit mit Frauen und sehr intensiv auch in der persönlichen, familiensystemischen Heilungsarbeit mit meiner eigenen Mutterlinie. 

Von Anfang an hat mich die Erkenntnis bewegt, welche Bedeutung unserer Mutterlinie zukommt. Der Blick zurück auf die Lebensgeschichten jener Frauen, die unsere Mutterlinie vor mir weitergetragen haben. Die tiefe Berührtheit darüber, dass ich zwei Töchtern und ihrem Bruder das Leben schenken durfte und wir bis zum Tod meiner Oma Ida vier Generationen Frauen in der Mutterlinie hier am Haunsberg lebten. 

 

Vom Muttersein zum Omawerden 

Zur Zeit der rauhnächtlichen Mutternächte durfte ich vor bald drei Jahren das Wunder erleben, zum ersten Mal Oma zu werden. 

Mein Enkelsohn Jakob hat alte Themen in mir und meiner Ahninnenlinie, die mit dem Wandel von der Mutter zur Großmutter verbunden waren, Schicht für Schicht ins Licht des Erkennens gebracht. 

Mit dem Hineinwachsen ins Dasein als Oma wuchs auch die Verbindung zwischen Jakob und mir, unterstützt von Gabelstaplern und Schneefräsen. Fotos von ihm begleiten mich als Bildschirmschoner durch meinen Arbeitsalltag. Und jeder Blick in seine leuchtenden Augen lässt mein Herz vor Liebe überfließen. 

Mit diesen großmütterlichen Erfahrungswerten erwartete ich das zweite Kind meiner Tochter Lisa. Schon seit einiger Zeit wusste ich, dass es ein Mädchen wird. Groß war meine Freude darüber. Ich erinnerte mich an jene überglücklichen Momente, als ich erfahren hatte, dass mein erstes Kind eine Tochter sein wird und sich zwei Jahre später auch mein Herzenswunsch nach einer zweiten Tochter erfüllen sollte.

Doch darauf, mit welch emotionaler Wucht mir die Geburt der kleinen Luzia die Erkenntnis bringen würde, dass mit ihr unsere Mutterlinie in die Zukunft getragen wird, war ich nicht gefasst gewesen. 

 

Oma Renate hält ihre neugeborene Enkeltochter Luzia zum ersten Mal im Krankenhaus im Arm.
Zum ersten Mal halte ich Luzia im Arm: die nächste Generation unserer Mutterlinie.

 

Wenn die eigene Endlichkeit plötzlich spürbar wird 

Ebenso wenig war ich darauf vorbereitet, wie mir durch Luzias Geburt plötzlich meine eigene Endlichkeit in einer Dimension bewusst werden würde, wie ich sie noch nie zuvor empfunden hatte. 

Neuerlich steigen die Tränen in mir hoch, während ich über die schmerzhafte Erkenntnis schreibe, dass ich Luzia nur ein Stück ihres Lebensweges werde begleiten können. Dass ich 88 Jahre alt sein werde, wenn Luzia einmal so alt ist wie ihre Mama Lisa heute. 

Die Frage, wie lange ich sie als ihre Oma tatsächlich auf ihrem Lebensweg bis ins junge Frauenalter begleiten kann, hat mich in den Stunden nach ihrer Geburt nicht nur vor Glück, sondern auch vor tiefer Bewegtheit weinen lassen. 

Meine Mama Renate ist mit 75 Jahren nun zum zweiten Mal Uroma geworden. Meine Oma Ida ist vor zehn Jahren gestorben. Damals war ich 47 Jahre alt und meine drei Kinder waren bereits junge Erwachsene. Sie hatten ihre Uroma viele Jahre als eine wichtige und liebevolle Begleiterin durch ihre Kindheit erleben dürfen. 

So lange durfte ich meine Oma, konnten meine Kinder ihre Uroma erleben. So viele Jahre durften wir hier mit ihr leben. 

All die Jahre habe ich es aus meiner Perspektive als Enkelin betrachtet. Mit der Geburt von Luzia hat sich das Blatt plötzlich gewendet. 

Ich war nicht darauf gefasst gewesen, dass nun für mich die Frage im Raum steht, ob sich das, selbst einmal Uroma zu sein, für mich in diesem Frauenleben noch ausgehen wird. 

Immer hatte ich mir gewünscht, dass meine Oma so lange leben möge, dass meine Kinder sie als ihre Urlioma erleben können. Sie hat uns allen dieses so wertvolle Geschenk gemacht. 

Doch die Generationen verschieben sich. 

Meine Mama war eine sehr junge Mutter. Sie hat mir mit 17 Jahren mein Leben geschenkt. Meine Tochter Lisa hat sie mit 44 Jahren zum ersten Mal zur Oma werden lassen. 

Schon immer fand ich es toll, eine so junge Mama zu haben. Doch was dies im Hinblick auf die Spannweite der Generationen bedeutet, darüber denke ich erst seit der Geburt der kleinen Luzia wirklich nach.

 

Die alten Wunden unserer Mutterlinie 

Meine erste Enkeltochter wurde genau in jenem Jahr geboren, in dem ich intensiv an der Auflösung und Heilung der Narzissmus-Thematik in meinem Familiensystem gearbeitet habe. 

Im Zuge dieser Heilarbeit zeigte sich für mich, wie tief die Wurzeln jener narzisstischen Verhaltensmuster, die auch meine Beziehung zu meiner Mutter geprägt haben, in die Geschichte unserer Mutterlinie zurückreichen. 

Eine besondere Bedeutung kam dabei dem schweren, unverarbeiteten Schmerz meiner Urgroßmutter Juliana zu. Ihre erstgeborene Tochter, der sie den Namen Ida gegeben hatte, war als Baby verstorben. Ebenso ihre zweitgeborene Tochter. Nach zwei Söhnen brachte Juliana nochmals eine Tochter zur Welt, der sie erneut den Namen Ida gab. 

Diese Tochter Ida brachte 1951 als Erstgeborene wiederum eine Tochter zur Welt: meine Mutter Renate. 

In meiner familiensystemischen Heilungsarbeit wurde für mich deutlich, wie tief der Verlust ihrer beiden kleinen Töchter meine Urgroßmutter geprägt haben musste. Und wie sich dieser Schmerz auf ihre Beziehung zu ihrer Enkeltochter und damit auch auf die nachfolgenden Generationen ausgewirkt haben könnte. 

Was eigentlich von Liebe, Geborgenheit und Verbundenheit getragen sein sollte, wurde durch alte, unverarbeitete Verletzungen überschattet. Verhaltensmuster, die von Abwertung, Kontrolle und mangelnder emotionaler Zuwendung geprägt waren, wirkten über Generationen weiter. 

Auch meine Mutter wuchs mit diesen Erfahrungen auf. Im Zuge meiner Heilungsarbeit wurde für mich nachvollziehbar, wie sich daraus Schutz- und Bewältigungsstrategien entwickeln konnten, die zwar einmal dem eigenen Überleben gedient haben mögen, für die nachfolgenden Generationen jedoch wiederum schmerzvolle Erfahrungen mit sich brachten.

 An der Schwelle zu meinem 50. Geburtstag begann ich in einer neuen Tiefe zu verstehen, warum die Beziehung zu meiner Mama immer schwieriger wurde, je mehr ich mich aus ihrer Kontrolle und Fremdbestimmung befreite und die Selbstbestimmung über mein Leben übernahm. 

Knapp acht Jahre später waren wir nach intensiver familiensystemischer Aufstellungs- und Heilungsarbeit an jenem Punkt angekommen, an dem meine Mama ihr Einverständnis gab, dass ich diese über Generationen wirkende Thematik auch für sie in einer Aufstellung bearbeiten durfte. 

Veronika Heinze, die mich und meine Familie seit bald 20 Jahren auf diesem besonderen Heilungsweg mit all ihrer fachlichen Kompetenz begleitet, hat diese Thematik anschließend auch noch in einer Einzelsitzung mit meiner Mutter bearbeitet und in die Wandlung geführt.

 

Und dann wurde unsere kleine Lichtbringerin geboren 

Noch am selben Tag, nur einige Stunden später, machten sich Lisa und ihr Mann Sebastian auf den Weg ins Krankenhaus. Und am Tag darauf erblickte unsere kleine Lichtbringerin Luzia zum ersten Mal das herbstliche Licht auf Mutter Erde. 

Nach all dem Leid, dem Schmerz und der Trauer, welche meine Mutterlinie über Generationen bestimmt und geprägt hatten. Nach all den vielen alten Themen, die ich auf meinem Lebensweg Schritt für Schritt erkennen, bearbeiten und damit in die Wandlung und Heilung bringen durfte. 

Nach der Erfahrung, wie es in diesem Jahr zwischen meiner Mama und mir leichter und verbundener geworden ist. Nach all dem wurde nun meine Enkeltochter geboren. Die nächste Trägerin unserer Mutterlinie, die sich für dieses Erdenleben den Namen der Lichtbringerin gewählt hat. 

Diese Zusammenhänge, diese Entwicklungen, diese Erkenntnisse und das Bild, das dadurch in mir entstanden ist, berühren mich zutiefst. 

Wir sind nun wieder vier Generationen von Frauen in der Mutterlinie. 

Es wurde uns wieder eine kleine Tochter geboren. 

Zu wissen, dass durch sie unsere Mutterlinie weiterlebt, erfüllt mich mit der Hoffnung, dass es gut weitergehen wird mit meiner Sippe.

 

Die drei Schicksalsfrauen und der Lebensfaden 

Und damit verbunden ist die Erkenntnis, dass jener Zeitpunkt, ab dem ich das Leben meiner Enkelkinder als Ahnin aus der Anderswelt mit all meiner Liebe begleiten und miterleben werde, in den Händen der drei Schicksalsfrauen liegt. 

Jener Schicksalsfrauen, die auf ihre magische Art und Weise gerade begonnen haben, den Lebensfaden der kleinen Luzia in das Gewebe unserer Mutterlinie hineinzuweben. 

Fragen steigen angesichts dieser so tiefgreifenden Erkenntnis meiner eigenen Endlichkeit in mir auf. Fragen, die ich mir noch nie zuvor gestellt habe. 

Ist es meiner Oma auch so ergangen, als ich als ihre erste Enkeltochter geboren wurde? Meine Oma kann ich nicht mehr fragen. 

Meiner Mama könnte ich diese Frage noch stellen. Ob sich der Blick auf ihr eigenes Dasein durch die Geburt ihrer ersten Enkelin Lisa, die Mama der kleinen Luzia, verändert hat? 

Doch ist die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir schon so weit geheilt, dass ich ihr diese Frage auch tatsächlich stellen werde? Bin ich bereits so weit, dass ich mich ihr mit der tiefen Berührtheit und den Tränen zeigen kann, die seit Tagen immer wieder aus mir hochsteigen? Immer dann, wenn ich mir bewusst mache, dass Luzia „irgendwann“ ihren Lebensweg ohne mich als ihre Oma weitergehen wird? 

Ist mein Wunsch, meine Mama danach zu fragen, inzwischen stärker als die Angst, dass meine Offenheit und Verletzlichkeit erneut zu schmerzhaften Erfahrungen zwischen uns führen könnten?

  

Eine neue Erfahrung von Mutter-Tochter-Verbundenheit 

Als Luzias großer Bruder Jakob vor bald drei Jahren geboren wurde, war ich ziemlich damit gefordert gewesen, dass dieses kleine Baby die eingespielte Routine in meinem Leben und in unserer Familie veränderte. 

Dass meine „Große“ nun selbst zur Mama wurde und damit auch neue Erwartungen an meine Rolle als Oma entstanden, löste Spannungen und Diskussionen aus. 

Mir wurde in dieser Phase mehr und mehr bewusst, dass eine einzelne Oma im Patriarchat, die noch dazu als selbstständige und alleinlebende Frau für ihre gesamte finanzielle Existenz sorgen muss, nicht jenen matriarchalen Clan oder das „ganze Dorf“ ersetzen kann, die es braucht, um ein Kind großzuziehen. 

Als ich die kleine Luzia am Tag nach ihrer Geburt das erste Mal im Arm hielt, verspürte ich eine tiefe Ruhe in mir. 

Und da war noch etwas in diesem Zimmer spürbar: die Herzensverbindung zwischen meiner Tochter und mir. 

Losgelöst von meiner bisherigen Sorge, ihren Erwartungen an mich als Oma nicht gerecht werden zu können oder zu wollen. 

Doch nicht nur mich selbst empfand ich befreiter und entspannter. Auch Lisa erlebte ich überströmend vor Liebe. Für ihre kleine Tochter. Für ihre Aufgabe als nun zweifache Mama. Und auch für mich, als ihre Mama und Oma ihrer beiden Kinder.

 

Wenn der Strom der Liebe wieder fließt 

Während ich versuche, die richtigen Worte für mein Erleben zu finden – Worte, welche die Dimension und Bedeutsamkeit dieser so deutlich spürbaren Veränderung zwischen meiner Tochter und mir zum Ausdruck bringen –, entsteht in mir ein Bild: 

Wie durch die Heilung jener tiefen, über Generationen weitergetragenen Wunden der Strom der Liebe wieder kraftvoll durch meine Mutterlinie fließt und pulsiert. 

Von Gebärmutter zu Gebärmutter. 

Von Schoßraum zu Schoßraum. 

Durch die Zeiten hindurch. 

Zurück zu jenen Frauen, die vor mir waren. Zu den Frauen, die durch all die widrigen Umstände hindurch das Leben in unserer Mutterlinie weitergegeben und weitergetragen haben. 

Und durch mich hindurch zu jenen, die nach mir unsere Mutterlinie weitertragen werden…

  

Selbst gestalteter Fliegenpilz aus Holz zur Geburt von Luzia, mit ihrem Namen auf dem Pilzhut und einer Blume mit den Namen und Geburtsdaten von Luzia und ihrem großen Bruder Jakob.

Willkommen auf Mutter Erde, kleine Luzia!  


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