Margareta, Schutzmantelfrau des Oichtentals
Hüterin einer alten Drachenlandschaft und menschliche Urerfahrung:
Beim Betreten der katholischen Pfarrkirche von Dorfbeuern fällt der Blick unweigerlich auf ein außergewöhnliches Wandfresko der hl. Margareta. Dargestellt ist sie im Typus der Schutzmantelmadonna mit Schutzbefohlenen. Ein Motiv, das in der christlichen Bildsprache eigentlich der Gottesmutter Maria vorbehalten ist. Freigelegt wurde dieses Fresko 1948 bei Renovierungsarbeiten. Die Inschrift ist nur mehr fragmentarisch erhalten, doch das Entstehungsjahr 1612 lässt sich eindeutig entziffern. Damit fällt das Bild in die Regierungszeit des Salzburger Fürsterzbischofs Markus Sittikus von Hohenems.
Ein ungewöhnlicher Schutzmantel
In dieser Zeit der Gegenreformation wurden im Erzbistum Salzburg Heiligendarstellungen gezielt gefördert, um den katholischen Glauben auch über Bilder wieder zu festigen. Gerade deshalb ist das Dorfbeurer Fresko so bemerkenswert. Denn hier breitet nicht Maria ihren schützenden Mantel aus, sondern die hl. Margareta: eine der Vierzehn Nothelferinnen, die besonders von Schwangeren, Gebärenden und bei unerfülltem Kinderwunsch angerufen wurde.
Auf der Website der Abtei Michaelbeuern, in welche die Pfarre Dorfbeuern eingegliedert ist, wird Margareta als schützende Fürbitterin beschrieben. Unter ihrem weit ausgebreiteten, schwarzen Mantel birgt sie zwei Gruppen von Männern: Geistliche und weltliche Stände suchen gleichermaßen Schutz unter ihrem Mantel. Das Übertragen dieses Schutzmantel-Motivs von Maria auf Margareta stellt ein vermutlich einzigartiges regionales Charakteristikum dar und öffnet zugleich den Blick auf eine tiefere, ältere Schicht.
Die Heilige und das Ungeheuer
Die christliche Legende erzählt von Margareta, einer jungen Frau aus Antiochia in der heutigen Türkei, die ihrem Glauben treu bleibt und dafür verfolgt wird. Im Kerker erscheint ihr der Teufel in Gestalt eines Drachen. Doch Margareta weicht nicht zurück. Durch das Zeichen des Kreuzes gelingt es ihr, das Ungeheuer in die Flucht zu schlagen.
Dieser Erzählstrang folgt dem bekannten Muster katholischer Märtyrerinnenlegenden. Ältere Symbole heidnischer Göttinnen wurden nicht ausgelöscht, sondern in die Darstellungen der Heiligen aufgenommen und christlich umgedeutet. So wurde aus dem Drachen, der in alten Mythen mit Erde, Wasser, Höhlen und ungezähmten Naturkräften verbunden war, das Sinnbild des Bösen. Und doch blieb er untrennbar mit Margareta verbunden. Denn bevor er in der christlichen Legende zum Teufel wurde, war der Drache vielerorts ein Bild für die wilden, schöpferischen und zugleich bedrohlichen Kräfte der Natur. Er konnte zerstören und verschlingen, hütete aber auch verborgene Schätze und geheimes Wissen.
Am roten Band der Großen Mutter
Auf dem Wandfresko in Dorfbeuern ist Margareta dem Drachen nicht ausgeliefert. Sie führt ihn am Band. Und wenn wir genau hinschauen, dann ist diese Schnur rot. Rot wie die Nabelschnur, die Mutter und Kind verbindet. Damit erscheint Margareta als christlich überformte Nachfolgerin einer viel älteren Spiritualität. In ihr klingen Züge der Großen Mutter an, jener uralten Göttin, die Leben und Sterben, Werden und Vergehen zyklisch in ihren Händen hält. Auch nach Jahrhunderten christlicher Überformung ließen sich diese alten Bilder nicht aus dem Volksglauben verdrängen.
Auch die Landschaft selbst spricht diese Sprache. Dorfbeuern liegt im Oichtental, am Westhang des Haunsbergs. Die Oichten durchfließt dieses Tal. Gerade in einer solchen Wasserlandschaft bekommt der Drache seine alte Bedeutung zurück: Er ist nicht nur Ungeheuer, sondern auch Bild für Bach, Überschwemmungskraft und Fruchtbarkeit.
Wie bedeutsam diese alte Drachenlandschaft für die Menschen früherer Zeiten gewesen sein muss, zeigt sich nicht nur an der einzigartigen Margareta-Darstellung. Gleich daneben wurde das Kloster Michaelbeuern errichtet, von dem aus die „Drachentöter“ in Gestalt der Missionare ausgesandt wurden. Doch die alte Göttin lässt sich nicht dauerhaft verbergen. Margareta, die Schutzmantelfrau des Oichtentals, steht wieder sichtbar da: als Sinnbild der menschlichen Urerfahrung - gehalten, genährt und beschützt vom Weiblich-Mütterlichen.
Dieser Beitrag ist im Juni 2026 auch in den Magazinen "Salzachbrücke" und "Mittendrin", Salzburger Nachrichten - erschienen.
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