Der steinerweichende „Wolfgangs-Tritt“ - Heilige Steine und christliche Besitzansprüche

„Wolfgangstritt“, so wird heutzutage jener Spurstein bezeichnet, welcher sich an der Außenmauer der Kirche im Göminger Ortsteil Kirchgöming befindet. Die Legende erzählt dazu, dass sich der Heilige Wolfgang auf diesen Stein gestellt habe, um einen Blick in die Kirche werfen zu können, als er durch die Lande zog, um Heiden zum Christentum zu bekehren. Dabei soll der Stein weich geworden sein und er habe dadurch seinen Fußabdruck in diesem Stein hinterlassen. Ein im Kirchenführer abgebildetes Votivbild zeigt eine Laufener Bürgersfrau, wie sie ihren kranken Fuß, mit der Hoffnung auf Heilung, in den Spurstein stellt. Bis heute suchen Menschen, laut der Webseite der Gemeinde Göming, an diesem alten Kultstein Linderung für ihre Fußleiden. 

Die Wolfgangsee-Region gedachte im „Wolfgangjahr“ 2024 dem 1.100sten Geburtstag ihres „Seepatrons“, des Regensburger Bischofs Wolfgang, gemeinsam mit den 150 Wolfgang-Orten in Mitteleuropa. Mit dieser historischen Person des im 10. Jahrhunderts tätigen Missionars wurden in den späteren Jahrhunderten tausende jungsteinzeitliche Kultstätten christlich vereinnahmt. Vom kleinsten Schalenstein, wie dem „Spurstein“ in Kirchgöming bis zu den größten Steinkult-Zentren, wie dem am Falkenstein bei St. Gilgen. 

Profitable Wallfahrtsindustrien 

„Das besorgten geschäftstüchtige Kleriker späterer Jahrhunderte, die in Wolfgang ein ideales Instrument sahen, unter Zuhilfenahme haarsträubender und steinerweichender Legenden, in seinem Namen – der sich übrigens aus Wolf und Gankerl, einer Umschreibung für Teufel zusammensetzt – abenteuerliche Besitzansprüche zu stellen und auf ehemals keltischen Kultplätzen profitabelste Wallfahrtsindustrien europäischer Dimensionen zu errichten.“ Mit diesen Worten beschreibt der Bürmooser Keltenforscher Georg Rohrecker in seinem Buch „Kelten Götter Heilige“ die damaligen Vorgänge. Die unter der Bezeichnung „Kelten“ zusammengefassten, frühpatriarchalen Kulturen hatten ihrerseits Jahrhunderte zuvor die Steinkultstätten des jungsteinzeitlichen „Alten Volkes“ überlagert. 

Am 40. Tag nach der Osterzeit feiern Christen das Fest „Christi Himmelfahrt“. An jener Stelle auf dem Ölberg in Jerusalem, von der aus Jesus in den Himmel aufgefahren sein soll, steht heute die Himmelfahrtskapelle. Diese birgt im Inneren einen heiligen Stein, in welchem sich der „letzte Fußabdruck Jesu Christi auf Erden“ verewigt haben soll. Dieser riesige Spurstein ist ein naturgewachsener Felsen, auf dem der Abdruck des rechten Fußes des Auferstandenen die Zeiten überdauert haben soll, so überliefert es der katholische Glaube. Seit Jahrhunderten ist dieser christianisierte Kultstein das verehrte Ziel christlicher Pilgerschaft. Auch der „Schwarze Stein“, der an der östlichen Ecke der Kaaba in Mekka eingemauert ist und den Ausgangspunkt der rituellen Umkreisung dieses islamischen Heiligtums markiert, geht auf einen altarabischen paganen Steinkult zurück. Bei den einzelnen Umkreisungen wird dieser vulvaförmig eingefasste Kultstein durch Küssen, Berühren oder Zeigen mit der Hand verehrt. 

Zeichen in der Landschaft 

„In Stonehenge war nicht der Steinkreis das Ursprüngliche, sondern der Fersenstein. Hier hatte die Gottheit gestanden, hat ihre Spuren hinterlassen, hier will sie verehrt und angerufen werden, hier ist sie geheimnisvoll gegenwärtig, hier spürt man ihre Kraft.“ Der österreichische Geistliche Franz Jantsch beschreibt mit diesen Worten in seinem Buch „Kultplätze im Land Oberösterreich und Salzburg“ die Verehrung, welche die „Menschen der Vorzeit den Zeichen in der Landschaft“ entgegenbrachten, welche „die Gottheiten, an die sie glaubten und die sie verehrten, hinterlassen hatten.“ Im Alpenraum lebt diese Gottheit bis heute in den Sagen und im Brauchtum als „Frau Percht“ fort.  


Dieser Beitrag ist im Mai 2024 auch im Magazin "Salzachbrücke", Salzburger Nachrichten erschienen.

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