Notburga, Brotmutter der Menschen
Die Ursprünge ihrer weitverbreiteten Verehrung und die Verbindung der Heiligen mit alten Getreidegöttinnen.
Zu Erntedank wird sie von den Frauen auf dem Plain bei Bergheim als Prozessionsfigur getragen. In Seeham steht sie mit der Sichel und den Getreideähren in ihrer Hand neben dem Hochaltar. Auf der Westseite des Haunsbergs ziert sie in bunten Farben das linke Fenster der Kirche St. Pankraz in Schlößl.
Im vorchristlichen Weltbild Alteuropas wurde die Natur als beseelt betrachtet. So wie wir Menschen sind auch Tiere und Pflanzen Kinder von Mutter Erde. Das Einbringen der Getreideernte sichert das Überleben der Menschen über den Winter. Die Getreidekinder finden dabei den Tod, schenken sich uns als Nahrung. Darin zeigt sich das Wirken der schwarzen Todesgöttin, zu deren christlichen Nachfolgerinnen die hl. Notburga gehört. Am 13. September wird vor allem im Tirolerischen ihr Gedenktag bis heute gefeiert.
Die Frauen kultivierten in den matriarchal-jungsteinzeitlichen Kulturen die Gärten und Felder. Als Schnitterinnen mit der Sichel in ihren Händen brachten sie den Ähren den Tod. Danach wurden diese gemahlen und zu Brot gebacken. Diese Umwandlung des Getreides ist ein magischer Vorgang, denn der Tod des Getreides sorgt dafür, dass das menschliche Leben weitergeht.
Ihre Attribute sind Sichel und Getreideähren
Zu den Attributen der auch als „Bauernheilige“ bezeichneten Notburga gehören neben der Sichel und den Getreideähren die Brote in ihrer Schürze. Die geraffte Schürze ist Sinnbild für den alle Nahrung hervorbringenden Schoß der Erde. So wie das Korn von jeher mit dem Kreislauf von Werden, Sein und Vergehen in Verbindung stand, galt die Sichel als Symbol für die Mondin und ihre Wandlungsphasen. Ihre Attribute kennzeichnen Notburga als Schnitterin, „die den Tod und zugleich das Leben verkörperte“, wie Erni Kutter in ihrem Buch „Heilige Weibsbilder“ schreibt. Notburga erscheint als Ernährerin der Lebenden wie auch der Verstorbenen, denen seit jeher Getreidekörner als Totenspeise auf ihre Reise in die Anderswelt mitgegeben wurden.
Von den Korngöttinnen zur Ährenkleidmadonna
Alle alten Kulturen, die seit dem Neolithikum Ackerbau betrieben, haben Korngöttinnen verehrt. Die griechische Demeter wurde mit Sichel und drei Ähren als Symbol für Leben, Tod und Wiedergeburt dargestellt. In ihr begegnet uns eine alte Muttergöttin, welche die verschiedenen Aspekte des Vegetationszyklus in sich vereint. Als Kore steht sie für das grüne Getreide, als Persephone für die reife Ähre und als Hekate für das geerntete Korn, so Heide Göttner-Abendroth in ihrem Buch „Die Göttin und ihr Heros“. In Rom trug sie den Namen Ceres und verkörperte die Ernährerin und Brotmutter der Menschen. Im Zuge der Christianisierung wurde aus den Korngöttinnen die Ährenkleidmadonna. Hochschwanger erscheint „Maria im Ährenkleid“ in der Stiftskirche von St. Peter in Salzburg im ährengeschmückten Kleid, um ihren Hals einen Kranz aus Sonnenstrahlen.
In die letzte Garbe, so glaubte man früher, verflüchtigt sich die Kornmutter. Deshalb wurde diese Garbe besonders liebevoll geschnitten und daraus eine weibliche Gestalt geformt, der mit Speisen für das Brot des Lebens gedankt wurde. Indigene Kulturen wie die Hopi in Nordamerika verehren Getreide und Mais als „Milch aus den Brüsten der Maismutter“. Seit Jahrtausenden sorgt das Weiblich-Mütterliche in vielerlei Gestalt für unser täglich Brot. Unser Dank dafür möge ihr gewiss sein!
Dieser Beitrag ist im September 2021 auch im Magazin "Salzachbrücke", Salzburger Nachrichten erschienen.
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