Samstag, 22. September 2018

Magdalena


In dieser Nacht wechseln wir von der hellen Hälfte des Jahres in jene Zeit, in der nun die Nächte wieder für ein halbes Jahr länger als die Tage sein werden. Auch vor 21 Jahren lag dieser magische Zeitpunkt in der Nacht vom 22. auf den 23. September. Damals feierte ich in dieser Nacht jedoch nicht die Herbst-Tagundnachtgleiche, sondern hielt zum ersten Mal meine Tochter Magdalena in meinen Armen.

Als ich heute Morgen ihre Geburtstagskarte mit den Worten begonnen habe, dass es nun schon ihr zweiter Geburtstag ist, an dem sie nicht mehr daheim wohnt, kamen wieder die Tränen hoch. Ich teile Magdalenas Sichtweise, dass sich unsere Beziehung eindeutig gebessert hat, seit sie nicht mehr daheim wohnt und es ist genau dieses Loslassen, das mich meine Liebe für sie so intensiv fühlen lässt.

Wir zwei hatten es des Öfteren nicht so ganz einfach miteinander. Meine Vorstellungen davon, was Magdalena tun und lieber lassen sollte, waren zeitweise nicht wirklich kompatibel mit ihren eigenen. Heute Nachmittag, beim Anschauen eines „best of“ ihrer Kindervideos, hat mich Magdalena wieder daran erinnert, dass sie ihre Blockflötenkarriere schon viel früher als ich für wieder beendet betrachtet hatte und auch die zwei Jahre mit der Querflöte für uns Beide mehr Qual als Klang gebracht haben. 

Während ihre große Schwester Lisa am liebsten stundenlang an meinem Busen nuckelnd neben mir gelegen wäre, hatte Magdalena beim Stillen wenig Zeit. Kaum war der Hunger oder Durst halbwegs gestillt, drehte sie ihren Kopf auch schon wieder weg, um zu schauen, was um sie vor sich ging. Schon in der Volksschule nützte sie ihre überzeugende, verbale Gabe und ihre charismatische Persönlichkeit, um der Lehrerin zu erklären, dass sie ihre Hausübungen deshalb nicht machen könne, weil wir immer gleich nach Schulende wegfahren und erst spät abends wieder heimkommen. Damals hab ich ziemlich geschluckt beim Elternsprechtag, als mir Frau Bischl sagte, dass es so dann doch nicht ginge und ich schon schauen müsse, dass Magdalena auch Zeit für ihre Hausübungen hat. Heute erzähle ich diese Anekdote aus meinem reichen Lebensschatz mit Magdalena mit einem Augenzwinkern und Schmunzeln auf meinen Lippen, denn auf so eine kreative Erklärung für die nicht gemachten Hausübungen kommt sicherlich nicht jedes Kind.

Weniger zum Schmunzeln zumute war mir, als ich im Mai 2012 grade am Weg zur Aufzeichnung meines Beitrags in der Barbara-Karlich-Show in Wien war und dort vorm Portierhäuschen stehend, einen Anruf von Magdalenas Klassenvorstand erhielt. Er schlug mir vor, sie nun doch kurz vor Hauptschulende in Mathematik noch in die zweite Leistungsgruppe abstufen zu lassen, denn es war fraglich, ob sie in der ersten Leistungsgruppe positiv sein würde und dann hätte sie keinen Hauptschulabschluss. Es lag nicht, wie bei ihrer großen Schwester am fehlenden Durchblick in Mathe. Das hat sie dann eindrücklich bei der alles entscheidenden Schularbeit bewiesen und ich war froh, auf mein Bauchgefühl gehört zu haben und sie wider aller Vernunft in der ersten Leistungsgruppe gelassen zu haben.

Ein kurzes, aber nötiges Gastspiel gab Magdalena daraufhin bei den Ursulinen in Elsbethen. Ihr Querflötenspiel fiel zwar nicht sehr überzeugend aus, doch deswegen sollte sie auch nicht dieses Jahr dort verbringen. #Aufschrei – die erste Sexismus-Debatte vor #metoo, initiiert durch die Journalistin Laura Himmelreich, ging Anfang 2013 durch Medien und virtuelle Welt. Und plötzlich waren auch wir mitten drin. Magdalena erzählte Aussagen und Erlebnisse mit ihrem Musiklehrer, die mich hellhörig gemacht haben. Wochenlang war ich damit beschäftigt, die Schilderungen der Mitschülerinnen meiner Töchter zu dokumentieren, deren Eltern für diese Thematik zu sensibilisieren, die Direktorin und den Landesschulrat über all das zu informieren.

Auch wenn der Lehrer an der Schule verblieb, die meisten ihrer Mitschülerinnen, oder vielleicht doch eher deren Eltern, wieder eingeknickt sind, was die Bestätigung ihrer Aussagen beim Landesschulrat betraf, die Direktorin überzeugt war von der Unschuld ihres langjährigen Kollegen und die Schilderungen der sexistischen Aussagen des Lehrers auf „pubertäre Schübe“ bei den Mädchen schob, uns der Landesschulrat zwar anhörte und versprach, den betreffenden Lehrer diesbezüglich zu kontaktieren, aber der Lehrer nicht aus dem Unterricht genommen wurde, sich ihre Mitschülerinnen, kurz vor Magdalenas Abgang aus der Schule, auf Anraten ihres Klassenvorstandes auch noch beim Lehrer für ihre „falschen Behauptungen“ entschuldigt haben, so war unsere Aktion letztendlich doch erfolgreich.

Denn wir haben nicht mehr länger unseren Mund gehalten, wir sind zum Vorbild geworden für die anderen Schülerinnen, wir haben Bewusstheit geschaffen für dieses so wichtige Thema. Magdalena war sehr stolz darauf, so eine mutige, konsequente Mama zu haben und ich war so stolz auf Magdalena, wie sie dies alles mit mir durchgezogen hat. Wohl wissend, dass dies ihre Chancen auf eine positive Note in Musik nicht gerade fördern würde.

Ihr Durchfallen bei der Nachprüfung gehörte genau so zu Magdalenas Lebensplan, wie der Umstand, dass sie bei den wenigen interessanten, Mitte September noch offenen Büro-Lehrstellen, aufgrund ihres Zeugnisses nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Gastgewerbe, Verkäuferin und Friseuse, das wollten wir Beide nicht, somit blieb nur noch eine offene Lehrstelle als Orthopädietechnikerin beim Tappe. Noch heute höre ich die Worte von Herrn Stabauer in meinem Ohr, der da am Telefon meinte: „Das Zeugnis interessiert mich nicht. Ihre Tochter soll einen Tag zum Probearbeiten kommen und wenn sie dann immer noch bei uns anfangen will, dann reden wir weiter.“

Aus diesem, ersten Probearbeiten ist inzwischen eine erfolgreich abgeschlossene Lehrausbildung samt Matura beim Wifi geworden. Im November wird Magdalena bei der ISPO Austria Jahrestagung in Salzburg ihr Wissen und Können an die Berufsschülerinnen und Berufsschüler aus Graz weitergeben.

Warum ich das alles heute, an Magdalenas 21. Geburtstag erzähle? Weil ich damit zeigen möchte, wie unsere Kinder ihren Weg gehen, auch wenn es vielleicht ein ganz anderer Weg sein mag, als wir für sie geplant haben. Oder als sie selber gedacht hätten. Doch kommt der wirklich eigene Weg unserer Kinder nicht von selbst, auch das hat mir das Leben mit meinen Kindern immer wieder gezeigt. Denn sie tragen so Manches mit sich, das gar nicht wirklich ihres ist. Das zu den Ahninnen und Ahnen gehört, das aus dem Familiensystem kommt oder seinen Ursprung in der frühen Kindheit hat. Das noch nicht angeschaut wurde, das noch nicht gelöst ist und dadurch unsere Kinder blockiert, belastet, in eine Richtung drängt, die gar nicht ihre wäre. Wenn wir Eltern die Verantwortung für unsere Themen, für das Paket der Ahnen, annehmen und es nicht unbewusst an unsere Kinder weitergeben, dann wird der Weg für unsere Kinder frei. Dorthin, wo sie wirklich sie selber sein können, sich selbst mit all ihren Fähigkeiten und Potentialen leben können.  

Als es mit dem selbstständigen Lernen von Magdalena in der Hauptschule so gar nicht klappen wollte, hab ich dazu eine Familienaufstellung gemacht. Es zeigte sich ihre Geburt. Sie war so, wie sich seither auch ihr Lernverhalten präsentierte, schon auf die Welt gekommen: „ohne eigenen Antrieb“, denn ihre Geburt wurde eingeleitet. Ihr errechneter Geburtstermin war erreicht und das Fruchtwasser auch schon etwas wenig, wie meine Frauenärztin beim Kontrolltermin an diesem 22. September 1997 meinte. Da sie einige Tage später auf Urlaub fahren würde und ich mit ihrer Vertretung auf keinen Fall entbinden wollte, hab ich in den Versuch eingewilligt, eine baldige Geburt mit dem Legen eines Wehenzäpfchens zu fördern. Von Magdalena waren zu dem Zeitpunkt jedoch noch keinerlei Signale gekommen, dass sie schon bereit wäre, meinen geborgenen Bauch zu verlassen. Kurz nach dieser Aufstellung hat Magdalena eine der besten Mathe-Schularbeitsnoten ihrer Schullaufbahn geschrieben.

So voller Dankbarkeit und Stolz hab ich heute mit Magdalena ihren 21. Geburtstag gefeiert. Ich bewundere sie für ihren interessierten, spontanen, offenen Umgang mit den Menschen und dafür, wie sie ihr Leben lebt. Freue mich mit ihr über ihr glücklich sein in ihrer Beziehung und schüttle hin und wieder auch noch den Kopf angesichts der unzähligen Hardstyle-Festivals, auf denen sie unterwegs ist…






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