Freitag, 8. März 2019

Wir wollen keine Blumen, wir wollen die Welt verändern!


Mit „lukrativen Prozentaktionen“ in den teilnehmenden Geschäften und einem Abend, bei dem Frauen sich über „Mode, Schmuck, Kunst, Kosmetik, Frisur, Gesundheit uvm.“ informieren können, wird der Weltfrauentag nun schon seit einigen Jahren in einer Region hier bei uns im nördlichen Flachgau beworben und begangen. Auf facebook posten Männer am 8. März Rosenbilder und wünschen „alles Gute zum Weltfrauentag“. Frauen posten dazu „Danke“, Herzchen und Kuscheltierchen. Der Weltfrauentag verkommt seit einigen Jahren zur „Blümchen- und Plüsch-Romantik“ mit eindeutig kommerzialisierten Interessen, ähnlich dem Tamtam rund um Valentins- und Muttertag. 

Den „Blümchen-Glückwunsch-Kuschelkurs“ beobachte ich u.a. bei Frauen, die sich damit rühmen, sich nicht mehr auf „die Ebene der Politik herunterziehen zu lassen“, da „sie dies alles schon hinter sich gelassen hätten, da wir auf einer höheren Ebene ja ohnehin alle eins seien“. Mit so einer Einstellung besteht keine Gefahr, dass diese Frauen hier auf Erden am etablierten, patriarchalen Weltbild rütteln würden, in dem die Männer bestimmen, in welchem Rahmen sich die Frauen zu bewegen haben, sich bewegen dürfen, ohne Gefahr zu laufen, als Feministin oder gar Emanze die männliche Aufmerksamkeit zu verlieren.

Der Weltfrauentag ist ein hochpolitischer Tag. Die Unwissenheit vieler Frauen, wofür der Weltfrauentag tatsächlich steht und dessen Verniedlichung von weiblicher Seite, macht mich betroffen und auch wütend. Die ursprüngliche Idee des Weltfrauentages war, dass Frauen ihre Stimmen erheben, sich gegen die Ungleichbehandlung zur Wehr setzen, für ihre Rechte eintreten. Heutzutage laufen Frauen, die dies tun, selbst am Weltfrauentag Gefahr, als „Spaßbremsen und underfuckte Emanzen“ bezeichnet zu werden. Frauen sollen gut aussehen, brav lächeln, nett sein und werden dafür mit „lukrativen Prozentaktionen“ beim Einkauf, anstatt gleicher Bezahlung und gerechten Pensionen, belohnt.

Am Weltfrauentag feiern und gedenken wir all jener Frauen, die vor uns einen frauenbewussten, gesellschaftskritischen Weg gegangen sind, die für uns heutigen Frauen Rechte und Möglichkeiten erkämpft haben, welche von den derzeitigen Regierungen grade wieder Stück für Stück beschnitten werden.

Der Internationale Frauentag, Weltfrauentag oder auch Frauenkampftag entstand als sozialistische Initiative im Kampf um Gleichberechtigung und Wahlrecht für Frauen. Die deutsche Sozialistin Clara Zetkin regte 1910 in Kopenhagen die Einführung eines internationalen Frauentages an. Im Ersten Weltkrieg wurde der Frauentag zum Aktionstag gegen den Krieg. Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde der Internationale Frauentag verboten und durch den Muttertag ersetzt. Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setze sich das faschistische Mutterbild fort, das propagierte Ideal der Kleinfamilie ließ den Kampf für Frauenrechte in den Hintergrund treten. Erst in den 1970iger Jahren macht ihn die neue Frauenbewegung wieder zu einem Tag der internationalen Frauensolidarität, über alle sozialen Schichten und politischen Ausrichtungen hinweg.

Immer wieder wird behauptet, dass der Weltfrauentag gar nicht mehr nötig wäre, weil „Frauen doch längst alles erreicht hätten“. Über derartige, realitätsferne Aussagen kann ich nur staunen. Die Tatsache, dass Frauen die Kinder bekommen, hat gravierende Nachteile für uns - je mehr Kinder für Vater Staat, desto weniger Pension für die betreffende Mutter. Davon, wie es den Frauen weltweit geht, ganz zu schweigen.

Deshalb frage ich mich, wozu Glückwünsche am Weltfrauentag? Ich will keine Herzchen und keine Rosenbildchen, sondern Gleichwertigkeit und Respekt für uns Frauen. Deshalb verwehre ich mich gegen diese Verniedlichung, diese Verharmlosung, diese Kommerzialisierung, dieses Kleinmachen eines Tages, der uns daran erinnern, darauf aufmerksam machen soll, wie weit entfernt wir von einer Gleichwertigkeit zwischen Frauen und Männern nach wie vor sind. Wenn wir Frauen uns selber mit unseren berechtigten Ansprüchen und Anliegen nicht ernst nehmen, dann brauchen wir uns nicht wundern, dass wir auch von den Männern nicht ernst genommen werden. 



"Lassen wir uns nicht schrecken durch die Ungunst äußerer Umstände, haben wir für alle Schwierigkeiten nur eine Antwort: Erst recht!" - Clara Zetkin
"Lassen wir uns nicht schrecken durch die Ungunst äußerer Umstände, haben wir für alle Schwierigkeiten nur eine Antwort: Erst recht!" - Clara Zetkin
„Lassen wir uns nicht schrecken durch die Ungunst äußerer Umstände, haben wir für alle Schwierigkeiten nur eine Antwort: Erst recht!“

(Clara Zetkin) 



Kommentare:

  1. Liebe Renate, du sprichst mir aus dem Herzen! Danke! Ich war abends am Heldenplatz in Wien, um bei der Demo dabei zu sein und war sehr enttäuscht, wie wenig Menschen da versammelt waren. was ein riesengroßes Fest sein könnte, war ein kleine gegen Regierung Veranstaltung, aber nicht eine, die Frauenleid und Frauenkraft in den Mittelpunkt stellte. Da gibt es noch sehr viel zu tun und zu bewegen und aufzurütteln. Ja, es ist absolut politisch und geht nicht darum, beniedlicht und befürsorgt zu werden. Ganz im Gegenteil! Ich spüre die Organisation und die Verbundenheit der Frauen noch immer nicht sehr stark und da würde ich gerne ansetzen, um unsere Kraft und Energie zu bündeln und effektiv einzusetzen. Lg Natalie

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    1. Liebe Natalie, danke für Deine bestärkenden Worte und die Schilderung Deiner Erfahrung und Sichtweise. Ich erlebe es ganz ähnlich. Wenn ich die Bilder des Frauenstreiks aus Spanien und Südamerika sehe, dann frage ich mich, was passieren muss, damit die Frauen hier in Mitteleuropa aus dieser einlullenden Hypnose aufwachen, dass es reichen würde, wenn sie schön sind und gesund kochen...

      Während sie daheim die letzten Kräuterl in die Suppe rühren, legt draußen das Patriarchat die Welt in Schutt und Asche und irgendwann werden sie dann vor die Türe treten und sich wundern, dass da keine Kräuterl mehr sind...oder dass doch nicht alles so "licht- und liebevoll" geworden ist, wie sie das doch jahrelang visualisiert haben...und aus dem vermeintlichen "Schutz" durch den "starken Mann" doch ein Gefängnis und Käfig geworden ist, indem auch all die schönen Kleider und Schuhe und Handtaschen keinen Ausweg mehr bedeuten...

      Ich fürchte, dass den Frauen erst noch viel mehr der Boden unter den Füssen weggezogen werden muss - sowohl auf der persönlichen als auch der gesellschaftlichen Basis - damit sie endlich wirklich hinschauen wollen, was dieses patriarchale System mit uns allen macht und dass wir nur gemeinsam und wie wir alle gemeinsam einen Weg daraus finden können.

      All die Schülerinnen und Schüler, die heute weltweit fürs Klima auf die Straße gehen, sind ein mächtiges Zeichen! Zumindest die jungen Frauen setzen nun politische, gesellschaftsbewusste Schritte, welche vielen ihrer Mütter und Großmütter leider noch immer sehr schwer fallen.

      Herzlichen Märzengruß nach Wien, Renate

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  2. Das klingt für mich einwenig, als ob alle Frauen Opfer wären und alle Männer Täter die mit Gewalt daß Patriarchat aufrecht erhalten und Frauen Kinder für den Staat bekommen und nicht für die eigene Familie oder habe ich den Text falsch gedeutet. Die Vielseitigkeit der jeweils persönlichen Auslegung was am Freitag passieren soll scheint auch nicht erwünscht zu sein.
    Sollte da nicht jede Person ihren Freiraum haben wie sie das Thema für sich sieht und auslegt.
    Ich finde auch das Feminismus nicht nur Frauenrechte ist , sondern das auch Männer viel dazu beitragen und bewirken können, wenn gemeinsam agiert wird.
    Gegenseitige Offenheit Toleranz und Zusammenhalt finde ich jedenfalls wichtig und besser als Feindbilder und zu schaffen,Pauschalurteile abzugeben und sich und andere in eine dauernde Opferrolle zu stellen.
    Wir sind alle gemeinsam Menschen nach dem dem Gleichheitsprinzip, aber doch ist jede Person anders.

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    1. Ja, wenn Du bei meinem Beitrag den Eindruck hast, dass er danach klingen würde, als ob "alle Frauen Opfer und alle Männer Täter wären", dann kann ich Deine Vermutung, dass Du den Text falsch gedeutet hast, nur bestätigen.

      Ich habe in meinem Beitrag auf die geschichtlichen Zusammenhänge des Weltfrauentages hingewiesen. Dafür Bewusstsein und Geschichtsbewusstheit zu bewirken, darauf zielt mein Beitrag ab. Ob Du das als "Einschränkung der Vielseitigkeit Deiner persönlichen Auslegung" sehen willst oder nicht, das lasse ich bei Dir.

      Natürlich können auch Männer viel zum Feminismus beitragen. Ich habe auch nirgends das Gegenteil behauptet. Die patriarchalen Strukturen zu benennen ist kein "Schaffen von Feinbbildern", sondern ein Aufzeigen der Tatsachen und das ist dringend nötig, damit die Menschen die patriarchale Gehirnwäsche und kollektive Hypnose endlich ablegen können - so wie es uns Greta Thunberg grade eindrücklich vorlebt - damit wir endlich alle wieder sehen und vor allem fühlen können, wie es um unsere Welt tatsächlich bestellt ist - das kapitalistische Patriarchat macht uns im Zuge der Globalisierung grade allesamt zu Opfern des Systems. Sich als Opfer zu erkennen, bedeutet nicht automatisch, in der Opferrolle sitzen zu bleiben. Darin liegt der entscheidende Unterschied! Die patriarchalen Fakten zu benennen bedeutet eben genau nicht, dass ich in der Opferrolle bleibe, sonder dass ich aktiv aufzeige und mich dagegen zur Wehr setze, indem ich hinschaue, erkenne, benenne und entsprechend handle.

      Nein, wir sind nicht gleich, sondern wir sind unterschiedlich, different. Frauen können etwas, was Männer nicht können: sie können das neue Leben in ihrem Schoß wachsen lassen, können es gebären, können es nähren!

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