Mittwoch, 12. Dezember 2018

Mit Fünfzig ...


Während ich in meinen runden Geburtstag hineingeträumt habe, ist der Winter gekommen hier bei uns am Haunsberg. Dicke Flocken tanzten heute Morgen den Geburtstagsreigen mit mir. Sie erinnern mich auf eindrückliche Weise daran, dass ich eine Tochter der Wintergöttin bin. Geboren in den dunkelsten Tagen des Jahres, in deren Geborgenheit ich immer mehr eintauche, je älter ich werde. 



Nun ist er endlich da, dieser ominöse, runde Geburtstag, der in den vergangenen Wochen immer wieder Thema gewesen war. Mit diesem Gedanken und der Erkenntnis, dass es richtig war, für diesen Tag keine Feier zu planen, bin ich heute Morgen aufgestanden. 

 
Die Wochen vor meinem 40. Geburtstag waren geprägt von Trennung und Loslassen. Hans war vier Wochen vorher ausgezogen. Nach „groß feiern“ meines runden Geburtstages war mir auch damals nicht zumute. An meinem 30. Geburtstag lag ich mit Lungenentzündung im Bett.



Mein 50iger begann mit dem Geburtstagsmail meines Vaters. Erhalten und gelesen um 05.32 Uhr. Geschrieben in St. Veit, wo er noch bis nächste Woche auf Kur ist. Ich spürte sein Bemühen, mir seine Liebe zu zeigen, aus seinen Worten. Hinter meinen Eltern und mir liegt ein intensives 2018, mit herausfordernden, wichtigen, heilsamen, nötigen Prozessen. Mit den aus mir aufsteigenden Tränen floss ein Stück der Mauer, die ich um mein Herz gebaut hatte, um den alten Schmerz nicht mehr fühlen zu müssen, hinweg.



„Überlebt!“, dieser Gedanke begleitete mich durch die Wochen vor meinem 50iger. Seit mir bewusst geworden war, warum die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir immer schwieriger geworden ist, je mehr ich in meine Kraft und Selbstbestimmung gegangen war. Plötzlich bekam all das Erlebte und Durchlebte einen Namen, einen Fachbegriff: „narzisstische Persönlichkeitsstörung“.

„Narzissmus bei nahen Angehörigen zu erkennen gehört zum Schwierigsten im Leben“, so die Worte meiner Therapeutin, als ich sie fragte, warum ich es nicht schon früher sehen hatte können. Der entscheidende Puzzleteil dabei war das Buch „Wenn Mütter nicht lieben“ von Susan Forward. Es war so befreiend für mich, darin endlich die Bestätigung zu finden, dass nicht mit mir was nicht stimmt. Mein Geschenk zum 50iger an mich selbst. 


Eigentlich ein Grund zum Feiern. Vor allem aber zum Dankbar sein. Dafür, dass ich es geschafft habe, diese zerstörerische Dynamik meines Familiensystems zu durchbrechen. Den beruflichen und persönlichen Erfolgen meiner Töchter nicht mit Neid und Konkurrenz begegnen zu müssen, wie ich es so oft erlebt hatte. Sie nicht klein machen zu müssen, um mich selber größer fühlen zu können. Meine Ahninnen sahen für sich keinen anderen Weg, um mit der Machtlosigkeit als Frau und Mutter im Patriarchat umgehen zu können. Sie haben sich in die krankhafte Form von Macht geflüchtet, die sich im Narzissmus ausdrückt. 


Unsere Seelen kommen deshalb immer wieder als Menschen hierher auf die Erde, um Erfahrungen machen zu können, um sich weiter entwickeln zu können. In einer Welt, in einem System, das durch seine patriarchale Struktur, durch seine kapitalistischen Werte den Narzissmus bedingt und fördert, bin ich nun reich an Erfahrungen mit dieser Persönlichkeitsstörung. Fein und hellhörig sind meine Antennen geworden, was narzisstische Muster betrifft. Fünfzig Jahres meines Lebens sollte es dauern, bis ich nun sagen kann: „Überlebt! Und erkannt!“ 


Es war ein harter Weg, es war oftmals kein schöner Weg, es war ein Weg, der mich viel Kraft, Energie und auch Geld gekostet hat. Auf dem meine Beziehungen gescheitert sind, denn aufgrund der Resonanz aus meinem Familiensystem zog ich Männer mit narzisstischen Mustern an. Auf dem mir der Narzissmus von Frauen gespiegelt wurde, die für mich persönlich und beruflich wichtig waren. 


Irgendetwas in mir hat mich all das durchstehen lassen, hat mich immer wieder weitersuchen lassen. Mein tiefes Sehnen nach der heilen, der heiligen, der gesunden, der liebenden Mutter hat mich die alte Göttin wiederfinden lassen. Matriarchale Kulturen haben mir eine Ahnung gegeben, wie es sein kann in einer Welt, die geprägt ist von mütterlichen Werten und weiblicher Seinsmacht. 


„Es ist wichtig, als Angehörige von psychisch kranken Menschen diese mit ihrer Erkrankung zu konfrontieren, denn wie sonst sollen sie erkennen, dass sie krank sind“, diese Aussage meiner Therapeutin hat mich in meinem Entschluss bestärkt, meine Mutter mit einem Brief darüber zu informieren, was ich erkannt hatte. Es folgten drei Wochen des Schweigens. 

Wieder floss ein Stück meiner Mauer mit meinen und ihren Tränen hinweg, als sie heute Vormittag ihr Schweigen brach, um mir zu meinem Geburtstag zu gratulieren. Sie hat mir bestätigt, dass es gut und richtig war, ihr so direkt zu sagen, was mit ihr los ist. Noch nie hab ich meine Mutter so einsichtig erlebt, was die Situation zwischen uns Beiden betrifft, wie nun an diesem Tag, an dem sie und ich vor 50 Jahren das Projekt meines Erdenlebens gestartet haben. Mein größter und am längsten mit mir getragener Wunsch beginnt sich zu erfüllen an diesem 12.12., an dem mich die Umarmung meiner Mutter hat fühlen lassen, dass es gut werden kann.

 Auch Frau See hat sich in die Winteralte gewandelt. Schon heute Morgen hab ich ihren Ruf an mich vernommen. Wie könnte dieser wechselhafte Geburtstag in meinem Leben vorübergehen, ohne bei ihr gewesen zu sein, die sie mich wie eine Mutter durch dieses intensive, fünfte Jahrzehnt meines Lebens begleitet hat. 


Morgen Abend dann, werde ich all das Alte, das Tote, das Leblose, das Durchlebte und Verbrauchte, das ich nun so lange für mein Familiensystem mitgetragen habe, mit der wilden Jagd ziehen lassen. Der Dreizehnte soll es sein, an dem mich Frau Percht wieder ruft, ihren Seelenzug in den Untersberg zu begleiten. Welch ein Geschenk, den ersten Tag meines neuen Lebensjahrzehnts auf diese Weise erleben zu dürfen…



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen